In der Ausgabe 03/2007 von FlightXPress war eine Rezension der kostenlosen Grumman AA-5 Tiger von Tim Conrad. Die drei Seiten aus der Feder von Kollegen MeatWater haben für eine lebhafte und kontroverse Diskussion im Forum von FlightXPress gesorgt. Denn der Rezensent genoss das Add-on gar nicht und fällte ein vernichtendes Urteil, während dasselbe Add-on von FlightSim einen Award erhielt. Bei der Diskussion im FXP-Forum ging es nicht nur um die Bewertung des Add-ons selbst, sondern auch darum, wie man Freeware in einer Rezension angemessen würdigt. Nun scheint das Thema ausdiskutiert zu sein und meine Wortmeldung mag verspätet vorkommen. Ich habe aber absichtlich damit ein wenig gewartet, weil ich mich mit ein bisschen Abstand damit beschäftigen wollte. Ich möchte hier nicht die einzelnen Kritikpunkte der Rezension analysieren, obwohl sie schon eine genauere Betrachtung verdient hätten. Ich möchte nur eine Frage aufgreifen: Kann man (oder muss man sogar) Freeware und Payware auf derselben Weise besprechen?
An einer Stelle schrieb der Rezensent:
Ich habe es mir schon vor einiger Zeit abgewohnt, bei der Beurteilung eines Add-ons zwischen Freeware und Payware zu unterscheiden – ganz einfach aus dem Grund, dass am Ende ja schließlich das zählt, was sich dem User im Simulator präsentiert. Wenn ich ein Freeware-Produkt als „schlecht“ klassifiziere, so zeige ich mich damit nicht als undankbar – ich weise lediglich auf die Qualität und den Nutzen hin. (FXP 03/2007, Seite 24)
Nun ja, einiges spricht schon für diese Haltung. Das ist der Blick des Testers, der sachlich und unvoreingenommen analysiert und misst. Wenn man Reisegeschwindigkeit und Verbrauch eines Flugzeugs überprüft, macht es in der Tat keinen Unterschied, ob das Add-on etwas gekostet hat oder nicht. Die Ergebnisse werden objektiv als KIAS oder GPH angegeben, egal ob das Add-on 30 €, 15 € oder gar nicht gekostet hat.
Wenn es um Payware geht, spielt aber der Preis schon eine Rolle in der Endbeurteilung. Denn es ist ein Unterschied, ob beispielweise eine Boeing als Einzel-Airliner 100 € kostet oder in einem Paket mit anderen 3 Flugzeuge für 25 € den Besitzer wechselt. Die Erwartungen, die man berechtigt hegen kann, klaffen gewaltig auseinander. Dort erwartet man einen mächtigen Flight Management Computer mit unzähligen Seiten und Unterseiten, hier ist man damit zufrieden, wenn sich die paar Knöpfe des Standard-Autopiloten bedienen lassen. Würde man den Verhältnis Preis/Leistung nicht berücksichtigen, würde man die kommerziellen Produkte unsachgemäß beurteilen. Warum sollte dann bei Freeware die Preisfrage keine Rolle spielen?
Das bedeutet nicht, dass man alles unkritisch annimmt und jede Kreation über den grünen Klee loben muss, nur weil sie nichts kostet. Geschenktem Gaul schaut man nicht ins Maul, geschenkten Add-ons allerdings schon. Als Rezensent fühle ich mich durchaus verpflichtet zu sagen, was gut und was schlecht ist. Nicht nur, damit die Leser es wissen; sondern auch damit der Autor des Add-ons eine Rückmeldung erhält, die ihn ermutigt, das nächste Mal es besser zu machen.
Denn an dieser Stelle zeigt sich noch ein wichtiger Unterschied zwischen Payware und Freeware. Payware ist ein Produkt, das man kauft und mit dem man mehr oder weniger zufrieden sein kann. Wenn es Fehler haben sollte, kann man meistens nur auf ein Patch hoffen.
Bei Freeware ist es anders, sie leben von den Beiträgen anderer Fans, die bessere Panels, Bemalungen, Aerodynamiken, Checklisten usw. kreieren. Ich weiß, es gibt auch die leicht bornierten Freeware-Autoren, die keine Änderung am eigenen Werk dulden und selbst banale Dinge wie ein fremdes Repainting verbieten. Solche Wichtigtuer stellen zum Glück nur eine kleine Minderheit dar und untergraben eigentlich die Grundidee von Freeware. Freeware ist zwar keine freie Software (free software), ist aber zweifellos auch ein Stück eines sozialen Netzwerkes und seine Bedeutung misst man – nicht nur aber auch – daran, wie gut es diesen Prozess der gemeinschaftlichen Verbesserungen in Gang setzt. Schlechte Freeware sind für mich jene Add-ons, für die sich keine Mühe mehr lohnt. Wenn die Szenerie so miserabel aussieht, dass niemand Lust verspürt, dafür eine bessere AFCAD-Datei zu erstellen, ist diese Freeware gescheitert. Wenn das Flugzeug gar nicht so übel aussieht, so dass man mit dem Gedanken spielt, die Avionik auszutauschen oder die Flugdynamik zu optimieren, hat es Pluspunkte gesammelt. Natürlich gibt es herausragende Freeware, die kaum eine Verbesserung mehr benötigt, sie ist allerdings – wie jeder, der regelmäßig die Bibliotheken von Avsim und FlightSim abgrast, längst erfahren hat – eine seltene Blume. Aber auch diese seltene Blume wächst und gedeiht, weil sich unterschiedliche Menschen zusammen tun, um etwas zu machen das ihnen – und hoffentlich auch den Anwendern – Spaß macht.
Bei der Lust, eine Freeware zu verbessern und etwas selbst dazu beizutragen, spielt noch ein Faktor eine wichtige Rolle: die Aura, die Seltenheit des Vorbildes. Payware orientiert sich oft am Mainstream. Produziert wird – von den rühmlichen Ausnahmen abgesehen – was sich voraussichtlich gut verkaufen lässt. Es gibt natürlich Zwischenbereiche, es gibt noch die Designer, die aus Liebhaberei ein ungewöhnliches Flugzeug reproduzieren und es auf den Markt bringen, obwohl sie wissen, dass sie nicht mehr als eine winzige Aufwandentschädigung erhalten werden. Aber die Marktgesetze sind eindeutig: Ein mittlerer internationaler Flughafen aus der nordamerikanischen Pampa verkauft sich besser als die idyllischen Landeplätze aus Italien. Airbusse, Boeings, Cessnas und Pipers gibt es en masse, welcher kommerzieller Entwickler würde aber es wagen, eine Ruschmeyer oder eine Miles für Flight Simulator nachzubauen? Freeware-Autoren tun es aber und produzieren Add-ons, die man sonst nie sehen würde.
Ich halte es daher für fraglich, ob die x-te kostenlose Nachbildung einer Boeing 737 oder einer Piper Cherokee wirklich sinnvoll ist, insbesondere wenn sie schlecht gemacht wird. Wenn jemand aber ein Flugzeug reproduziert, dass in der realen Fliegerei als kultig, interessant oder legendär angesehen wird, in Flight Simulator aber noch völlig fehlt, ist es für mich ein Grund zur Freude.
Lange Rede, kürzer Sinn: Die Beurteilung von Payware und Freeware verhält sich bei mir wie die Beurteilung von Essen. Ein Dinner im Restaurant, eine Currywurst im Imbiss oder das gemeinsame Grillen mit Freunden präsentieren auf dem Teller im Endeffekt dasselbe: Nahrung. Ein Diätologe würde die Speisen wahrscheinlich rein sachlich und objektiv nach ihrem Kalorien- oder Vitaminengehalt beurteilen. Ich bin aber ein Genießer. Natürlich schaue ich auch genau, was aufgetischt wird und warne vor eventuell drohenden Lebensmittelvergiftungen. Aber das Drumherum (sowohl beim Essen als auch beim Flugsimulieren) ist mir auch sehr wichtig.