Archiv für April 2009

Die Weihnachtsbaum-Yoke

Vielleicht lag es daran, dass ich ersten Bilder des neuen Steuerhorns aus dem Hause CH in der Adventszeit zu Gesicht bekam. Tatsache ist, dass mein erster Gedanke war: „Wow, was ist das für einen Weihnachtsbaum“. Seien wir mal ehrlich: die neue CH Eclipse Yoke sieht genau so wie die alte aus, nur mit einer halben Lichterkette und bunten Halbkügelchen als Knöpfen darauf. Und dazu noch mit seltsamen Ruderpedalen, die man mit den Daumen bedient, die „Fingertip Paddles“.
ch-yokeIch hatte das Gefühl, dass die gute alte und leicht verschnarchte Tante CH den Kampf gegen die smarte, innovative (und günstigere) Pro Flight Yoke System von Saitek mit einem Haufen Lametta und Blendwerk ausfechten wollte. Um es klar zu sagen: Ich habe sowohl das alte Steuerhorn von CH als auch das von Saitek. Und ich muss noch dazu sagen, dass ich immer noch das alte Flight Sim Yoke USB Professional von CH bevorzuge. Das Steuerhorn von Saitek hat viele Pluspunkte, aber was das Fluggefühl angeht, gefällt mir persönlich das Produkt von CH besser. Nur: wozu noch Daumenpedale und Lichterketten?
So war ich eher skeptisch, als ich dank Aerosoft die Gelegenheit hatte, ein paar Wochen lang die Yoke von CH zu testen. Und das Ergebnis hat mich selbst überrascht. Denn die Daumenpedale sind viel bequemer zu verwenden, als ich dachte. Klar, damit kann man keine Luftakrobatik und auch keinen Dogfight vollführen. In solchen Flugzeugen steht im Cockpit sowieso ein Knüppel und kein Steuerhorn. Für das normale, gesittete Fliegen sind diese Fingertip Paddles allemal viel besser als Joystick mit drehbarem Griff. Egal ob Forward Slip oder Side Slip: Auch die Arbeit mit gekreuzter Steuerung gelingt ganz gut. Anders als echte Pedale haben die Daumenpedale jedoch keine Funktion für die Bremsen.
Eine ganz gute Sache sind die großen Räder für die Trimmung von Hohen- und Querrudern. Sie erleichtern das Setzen der korrekten Flugkonfiguration ungemein. Es war wirklich ein Aha-Erlebnis, trotz seitlichem Ungleichgewicht in den Kraftstofftanks perfekt auf Kurs zu fliegen. Manuell, versteht sich. Sehr praktisch ist zudem die Möglichkeit, die Trimmung mit einem simplen Druck auf das Rad zu zentrieren.
Das von mir sehr geschätzte Steuergefühl ist gleich geblieben. In Zeiten, wo an allen Ecken und Kanten und auch an Ruckstellfedern gespart wird, ist das ein Pluspunkt.
Die vielen bunten Knöpfe in der Mitte des Steuerhorns haben mich hingegen eher genervt. Insbesondere der rote Drehschalter in der Mitte des Steuerhorns. Denn seine Federung ist ziemlich stark und wenn man versucht, ihn zu drehen, dreht sich das Steuerhorn mit. Man muss also die Yoke richtig festhalten, wenn man nicht herumeiern möchte. Was würde der Controller sonst sagen?
Typisch CH ist die Hilfe beim Anschließen und Konfigurieren der Hardware: eher inexistent. Das Konfigurationsprogramm lag bei meinem Testmuster nicht bei und musste von der Homepage des Herstellers heruntergeladen werden. Ein Profil für die automatische Einbindung in FSX gibt es nicht, so dass man das ganze Brimborium aus Schalter, Hebeln und Achsen selbst konfigurieren muss. Für ein Gerät dieser Preisklasse (über 220 €) ist dies schon eine schwache Leistung.
Alles in allem war das Steuerhorn besser und durchdachter als zuerst vermutet. Aber als ich es wegpackte und es Aerosoft zurück schickte, war ich nur wegen der Trimmräder traurig. Sonst bin ich mit meinem alten CH-Steuerhorn voll zufrieden.

Gebrauchsanweisungen für die Caravan

Normalerweise kaufe ich keine Bücher, in denen ich – reell oder virtuell – nicht ein wenig geschnuppert habe. Manchmal muss ich zwar Bücher mit geschlossenen Augen kaufen, aber das passiert ehr selten. Aber ich habe noch nie ein Buch bestellt, lange bevor es überhaupt erscheint. Bis ich dann Caravan Cessna’s Swiss Army Knife with Wings in dem Online-Shop meines Vertrauens gesehen habe. Dann wusste ich sofort: ich muss es haben.
Caravan: Cessna's Swiss Army KnifeDie Entscheidung ist mir nicht schwer gefallen. Ich bin schließlich ein großer Fan dieses großartigen Flugzeugs. Das Information Manuals von Cessna für dieses Muster liegt in Reichweite auf meinem Schreibtisch-Cockpit und im Regal dahinter liegen sogar einige Ausgaben von Caravan News. Das ist das Kundenmagazin von Cessna für Verkäufer, Käufer und Piloten des Turboprops. Schade, dass ich es nicht mehr bekomme.
Das Buch hätte ich höchstwahrscheinlich sowieso gekauft. Aber als ich die Namen der Autoren las, war es mit mir geschehen. Einer der beiden ist LeRoy Cook. Den meisten wird der Name dieses Fluglehrers aus dem amerikanischen Mittleren Westen nichts sagen. Es sei denn, sie haben wie ich das gelesen, was ich als das beste Magazin für die Allgemeine Luftfahrt betrachte, die es je gab: Private Pilot. Cook hat jahrelang für mich unvergessliche Berichte, Reportagen und Kolumnen dort veröffentlicht, bis das Magazin vor rund fünf Jahren leider dicht machte.
Nun, in dem Caravan-Buch ist nicht viel von seinem leisen Humor und seiner pointierten Schreibe zu spüren. Ich vermute, er hat den Hauptautor John D. Lewis nur unterstützt. Dennoch ist das beinahe quadratische Paperback eine sehr informative und unterhaltsame Lektüre. Es präsentiert sich als ein typisches ASA-Produkt: Das Wichtigste sind die Inhalte, Papierqualität und Gestaltung hingegen eher zweitrangig. So sind die allermeisten Fotos schwarzweiß.

Wer die Cessna 208 Caravan nicht kennt, wird trotz der Informationsfülle vermutlich einiges vermissen, denn das Buch ist wirklich von Piloten für Piloten konzipiert worden. Alles, was bereits im Betriebshandbuch steht oder selbstverständlich ist, wird nicht noch mal behandelt. So findet man auf den 288 Seiten keine besonderen Hinweise auf den Trägheitsabscheider (Inertia Separator) oder auf den Betriebsartenhebel (Condition Lever). Solche Dinge muss ein Caravan-Pilot einfach wissen.
Andererseits überquillt das Buch mit Tipps, Tricks und Hinweise, die Lewis in seiner Karriere als Pilot und Ausbilder bei FedEx, Cessna und dann FlightSafety International gesammelt hat. Es sind jene Erfahrungswerte, die man im Betriebshandbuch vergeblich sucht. Wie die 10-11-12-Regel. Sie ist bei Instrumentenanflügen und Platzrunden sehr praktisch. Sie besagt: Mit den Landeklappen auf 10° und das Drehmoment (Torque) auf 1100 ft-lbs bekommt man 120 KIAS. Das klappt sogar mit der Caravan in Flight Simulator X ganz gut.
Garniert sind die Einweisungen mit Berichten aus erster Hand über die Einsätze der Carvan bei unterschiedlichen Betreibern. Es sind die Piloten von Hilfsorganisationen in Afrika, Touristikunternehmen in der Karibik, Aerotaxi-Gesellschaften in Südamerika und etliche Privatbesitzer, die von den außerordentlichen Leistungen des riesigen Einmots berichten. Zahlreiche davon sind zwar in den oben erwähnten Caravan News schon erschienen und sie schmecken gelegentlich eine Spur zu süß. Das ist der typische Beigeschmack von Corporate Publishing. Auch sehr viele Fotos sind Made by Cessna. Für die allermeisten Leser, die sowieso die Caravan News nicht kennen, bringen sie dennoch sehr interessante Einblicke in eine nicht gerade alltägliche Sparte der Fliegerei.
Für alle Fans der Caravan und der modernen Busch-Fliegerei ist das Buch eine sehr lehrreiche und amüsante Lektüre.

PS: ASA hat mittlerweile auch eine Taschenbuch-Ausgabe mit einem rötlichen Cover herausgebracht, die rund 50 Seiten weniger enthält. Ob da nur Fotos oder auch Inhalte weggelassen wurden, weiß ich nicht.

J.D. Lewis and LeRoy Cook, Caravan: Cessna’s Swiss Army Knife with Wings, Aviation Supplies & Academics 2008, 288 Seiten, 19,90 $

ISBN 1-56027-682-7


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